
Villenkolonie & Sommerfrische
Wie Hamburger Kaufleute aus einem Bauerndorf ein Villenviertel machten
Volksdorf als Rückzugsort der Hamburger Bourgeoisie
Inhaltsübersicht
Die Sommerfrische
Volksdorf als Rückzugsort der Hamburger Bourgeoisie
Der Begriff Sommerfrische beschreibt die bürgerliche Praxis des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, die drückende Hitze und den Gestank der Großstadt im Sommer zu verlassen und auf dem Land zu wohnen. Was zunächst dem Adel vorbehalten war, wurde mit dem wachsenden Wohlstand des Bürgertums zur verbreiteten Praxis der gehobenen Mittelklasse.
Für Hamburger Kaufleute und ihre Familien war Volksdorf ideal: nah genug an der Stadt für einen Tagesausflug per Kutsche oder später per Bahn, weit genug entfernt für echte Ruhe. Der Wald war da, die Luft war sauber, das Land war günstig — noch. Vorreiter war Heinrich von Ohlendorff, der ab 1867 systematisch Bauernhöfe aufkaufte und seinen Volksdorfer Landsitz ausbaute. Er war nicht der Einzige, aber der Erste mit Weitblick.
Die Terraingesellschaften
1913: 25 Gesellschaften parzellieren das Dorf
Die Werbebroschüre "Hamburgs Walddörfer — Villenkolonien" aus dem Jahre 1913 führt allein gut 25 sogenannte Terraingesellschaften auf. Das waren Wohnungsbaugesellschaften, die möglichst günstig Flurstücke von Bauern erwarben, Bebauungspläne erstellten, Straßen und Plätze anlegten und das baureife Gelände in Parzellen aufgeteilt an Bauunternehmer verkauften. Das Prinzip war dasselbe wie heute bei Bauträgern — nur ohne Baugenehmigungsrecht im modernen Sinne.
Ab etwa 1900 wurden in Volksdorf von vermögenden Hamburgern Villen im Landhausstil erbaut. Heinrich von Ohlendorff bat im September 1904 den Landherrn der Geestlande um die Erstellung eines Bebauungsplans. Nach einem ersten Entwurf 1906 dauerte es bis 1913, bis der erste Bebauungsplan verabschiedet wurde. Die Grundstücksgröße der Parzellen lag bei 1.000 bis 1.200 Quadratmetern — großzügig genug für ein Haus mit Garten, klein genug für eine wirtschaftliche Parzellierung. Diese Maßgröße prägt Volksdorf bis heute.
Der Baustil: Landhausstil und Heimatstil
Kein internationaler Stil — ein Bekenntnis zur Region
Die Villen und Landhäuser, die ab 1900 in Volksdorf entstanden, folgten keinem einheitlichen Architekturstil — aber sie folgten einem gemeinsamen Prinzip: Sie sollten natürlich wirken, ins Grüne eingebettet, nicht repräsentativ im städtischen Sinne. Der Landhausstil, auch Heimatstil genannt, griff auf ländliche Architekturformen zurück: Fachwerk, verputzte Fassaden, Walmdächer, Holzbalkone, Einfriedungen mit Hainbuchenhecken. Klinker in Norddeutschland, Schiefer an anderer Stelle.
Das Ergebnis war ein Stadtteillbild, das bis heute erkennbar ist: keine dichten Gründerzeitblöcke, sondern aufgelockerte Einzelhausbebauung mit altem Baumbestand. Wer durch die Straßen rund um den Wald fährt, sieht noch heute die Reste dieser Epoche — Häuser aus den 1910er und 1920er Jahren, manche unter Denkmalschutz, manche erneuert, manche hinter Hecken verborgen.
Das Wachstum
Von 1.000 auf 3.500 Einwohner in zwanzig Jahren
Die Bevölkerung Volksdorfs wuchs von knapp 1.000 im Jahr 1910 auf fast 3.500 im Jahr 1929. Das ist eine Verdreifachung in zwei Jahrzehnten — und der Auslöser war eindeutig die Walddörferbahn. Mit der Fertigstellung 1920 fuhr die Bahn direkt nach Barmbek mit Anschluss ans Hamburger U-Bahn-Netz. Wer in der Stadt arbeitete und auf dem Land wohnen wollte, konnte das nun tun. Die Parzellierung und der Villenbau beschleunigten sich.
Eines der ersten Projekte war die Siedlung Wensenbalken — ein durchgeplantes Wohnquartier aus der frühen Erschließungszeit, das bis heute als kohärentes Ensemble erkennbar ist. Es war kein organisch gewachsenes Viertel, sondern ein bewusst angelegtes: mit Straßen, Grünflächen und Parzellen, die von einer Terraingesellschaft entwickelt worden waren.
Was davon geblieben ist
Volksdorf als Spiegel seiner Gründungszeit
Die Villenkolonie-Ära hat Volksdorf strukturell geprägt — stärker als jede spätere Stadtplanung. Die Grundstücksgrößen von 1.000 bis 1.200 Quadratmetern, die damals als Parzellierungsmaß festgelegt wurden, sind bis heute der Normalfall im Volksdorfer Einfamilienhausgebiet. Die Straßenführung folgt noch immer den Erschließungsplänen der Terraingesellschaften. Der alte Baumbestand in den Gärten stammt aus diesen Jahrzehnten.
Was verschwunden ist: die großen Villen der ersten Generation. Viele wurden in der Nachkriegszeit abgerissen oder aufgeteilt, andere durch Neubauten ersetzt. Die Ohlendorffsche Villa ist eine der wenigen erhaltenen großbürgerlichen Anlagen aus dieser Zeit — und sie ist heute als Stiftung öffentlich zugänglich, was sie zu einem der seltenen Orte macht, wo die Gründungszeit Volksdorfs noch körperlich erfahrbar ist.
Zeittafel
Heinrich von Ohlendorff kauft Volksdorfer Höfe auf — erster großer Villenbesitzer
Verstärkter Villenbau durch Hamburger Kaufleute und Bürger
Kleinbahnanbindung Rahlstedt–Volksdorf — erster Impuls für Zuzug
Ohlendorff beantragt ersten Bebauungsplan beim Landherrn der Geestlande
Erster Bebauungsplan-Entwurf
Erster offizieller Bebauungsplan verabschiedet — 25 Terraingesellschaften aktiv
Werbebroschüre "Hamburgs Walddörfer — Villenkolonien" erscheint
Fertigstellung Walddörferbahn — Bevölkerungsexplosion beginnt
Wachstum von ca. 1.000 auf fast 3.500 Einwohner
Siedlung Wensenbalken als erstes geplantes Wohnquartier
Eingemeindung nach Hamburg durch Groß-Hamburg-Gesetz
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